von Bianka Boock

Großzügig gendern – so wird jede Botschaft nebensächlich

von Bianka Boock

„Liebe Leserinnen und Leser“, „Liebe Leser und Leserinnen“, „Liebe Leser (m/w/d)“ oder doch besser „Liebe Lesende“? Hätten Sie noch Lust, nach einer solchen Anrede weiterzulesen? Wenn nicht, wäre das verständlich. Denn das wachsende Bemühen um genderkorrekte Formulierungen in Deutschland verwandelt immer mehr Texte in unlesbare Aneinanderreihungen nicht existierender bzw. keinen Sinn ergebender Worte.

Ein Beispiel sind Stellenanzeigen. Die einst geschlechtsneutralen Berufsbezeichnungen wurden zunächst zu „Controller/in“, „Controller (m/w)“ oder ähnlich, wie im Blog Personalmarketing2null zu lesen ist. Doch korrekte Formulierungen sind nicht immer leicht zu finden. Die Anstrengungen in dieser Angelegenheit führen immer wieder zu kuriosen Schöpfungen. So werden selbst bei Positionen, die den „Mann“ im Titel tragen, Frauen auf sonderbare Weise eingebunden. „Kaufmännischer Leiter (m/w)“ ist sicher noch eine harmlose Variante, im Gegensatz zu „Empfangsdamen (m/w)“ oder „Krankenschwestern (m/w“) im umgekehrten Fall.

Fehlendes Gespür für Feinheiten

Lassen Sie sich das einmal durch den Kopf gehen! Auch wenn Stellenanzeigen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geschlechtsneutral formuliert werden müssen – welcher Mann möchte sich ernsthaft als Empfangsdame oder Krankenschwester bewerben? Ist das nicht Diskriminierung von Anfang an? Oder könnte das nicht auch als Ironie in Bezug auf das sogenannte zusätzliche Geschlecht verstanden werden, das in Stellenanzeigen mit „divers“, „x“ oder „*“ angegeben wird und das der durchschnittliche Arbeitssuchende erst einmal googeln muss, um zu verstehen, was gemeint ist?

Als Etikett für diese Entwicklung begann sich vor etwa zehn Jahren in Deutschland der Begriff „Genderwahn“ zu verbreiten. Der Gebrauch des Begriffes wird gerügt, da er in konservativen und rechtspopulistischen Kreisen Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise diffamieren würde. Doch die „Kreise“ beschränken sich nicht auf dieses politische Lager! Auch Linguisten kritisieren die „Übergenderisierung“, wie u. a der Deutschlandfunk berichtet. So erläuterte der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg in einem Interview, dass sich nicht alle Wörter in eine weibliche oder neutrale Form bringen lassen. Ein Beispiel: das Wort „Flüchtling“. „Wenn man das Wort Flüchtling verwendet, dann meint man damit Männer und Frauen. Das ist die logische Konsequenz. Der Ausweg über Geflüchtete ist nicht gangbar. Das ist eine Sprachmanipulation, die nicht hingenommen werden kann, jedenfalls nicht von einem Sprachwissenschaftler. Ein Flüchtling ist was vollkommen anderes als ein Geflüchteter“, so Eisenberg.

Sprachmanipulation erinnert an autoritäre Regimes

Auch von der Praxis eines Binnen-I wie in „GärtnerInnen“ hält Eisenberg nichts, weil es diese Form nicht gibt. „Die ist frei erfunden und sie hat sich sehr problematisch entwickelt. Wir haben heute nicht nur das große I, sondern wir haben den Schrägstrich, wir haben den Unterstrich und wir haben vor allen Dingen das unsägliche Gender-Sternchen, das in Berlin in den Bezirken jetzt teilweise obligatorisch gemacht werden soll“, so der Linguist. Er kritisiert, dass zum Teil nur noch Texte anerkannt werden, die nach einer frei erfundenen Regel verfasst sind. „Da muss man rechtlich gegen vorgehen, meiner Meinung nach, kann man auch. Solche Eingriffe in die Sprache sind typisch für autoritäre Regimes, aber nicht für Demokratien“, erläutert Eisenberg.

Mit seiner Auffassung ist er nicht allein. Ein wesentliches Problem besteht darin, dass sich fast alle zu dem Thema positionieren und dabei jeder für sich definiert, was Sprache leisten soll, erläutert Birgit Kelle, Verfasserin des Buches „Gendergaga“. So sage jeder Professor etwas anderes und an Universitäten gebe es eine gegenderte Sprache – je nach Institution eine andere. „Wir reden nicht von Mann und Frau, sondern von Geschlechtervielfalt“, so Birgit Kelle. Das habe nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Auf die Spitze getrieben

Tatsächlich sind Abschlussarbeiten oder andere Texte von Studenten voll von Begriffen wie „KundInnen“, „SportlerInnen“, „VerfasserInnen“ und „KonsumentInnen“. Darüber hinaus gibt es sogar „KundInnenbedürfnisse“, „NutzerInnendaten“, „KundInnenbindung“, „KundInnenloyalität“, „InfluencerInnen-Marketing“ und einen „ExpertInnenstatus“. Solche Wortschöpfungen lenken die Aufmerksamkeit des Lesers vom eigentlichen Inhalt, der Botschaft des Textes, ab. Der Text liest sich nicht wie eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung eines Menschen, der studiert, sondern eher wie ein hilfloser Versuch eines Menschen, der sich nicht auszudrücken versteht. Denn das Auf-die- Spitze-Treiben der Gendergerechtheit führt genau zum Gegenteil. So ließe sich beispielsweise fragen, ob ein „ExpertInnenstatus“ etwas anderes ist als ein Expertenstatus und „KundInnenloyalität“ etwas anderes als Kundenloyalität. Kein Schelm, wer dabei Böses denkt!

Dass ein Auf-die-Spitze-Treiben sogar schaden kann, beweist der „Fall Rossmann“. Wie in der ARD-Mediathek zu sehen ist, hat sich Rossmann zum Frauentag „Rossfrau“ genannt. Doch welche Artikel bewarb die Drogeriemarktkette? – Alles, was dem Frauenklischee entspricht: von Waschmittel über Schminkzeug bis hin zu Windeln. Ein amüsanter Shitstorm entfesselte sich. Allerdings ist, was manche als lustig empfinden, für anderer bitterer Ernst.

So forderte die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, wirklich eine Änderung der deutschen Nationalhymne. „Demnach solle die Bezeichnung ‚Vaterland‘ durch ‚Heimatland‘ ersetzt werden. Statt ‚brüderlich mit Herz und Hand‘ soll es künftig ‚couragiert mit Herz und Hand‘ heißen“, berichtet u. a. die HAZ. Das passt in eine Zeit, in der Facebook 60 verschiedene Geschlechtsoptionen zur Auswahl anbietet und es immer mehr Anglizismen gibt. Somit dürfte sich in absehbarer Zeit vielleicht auch das Thema der männlichen und weiblichen Artikel erledigen. Statt „der“ und „die“ nur noch „das“. Der Verstand und die Intelligenz verschwimmen im Einheitsgrau, bis auch die letzte Bedeutung darin verschwunden ist.

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